Herr Krome, was heißt Führung?

Wildsau gegen Gurkentruppe

So jedenfalls formuliert es die deutsche Presse in dieser Woche. Es geht um die Kontroverse in der Rentenreform Mitte 2010. Bayerns Ministerpräsident Seehofer nennt im Zorn den damaligen Gesundheitsminister Rössler und seine FDP Gurkentruppe.Rössler kontert sofort mit Wildsäue und meint damit die Politprofis aus Bayern. Doch dieser Schuss geht mal wieder nach hinten los. Genießen doch die Wildsäue oder auch Schwarzwild genannt, bei den naturverliebten Bayern eher Respekt und ein durchaus positives Image. Jäger und andere Kenner dieser Spezies wissen über deren Intelligenz, die gepaart ist mit einer herausragenden Sozialkompetenz. Während bei Rössler und Co. die Intelligenz lediglich ausreicht, die Bevölkerung mit ihrer angeblichen Gesundheitsreform hinters Licht zu führen, fehlt es ihnen doch offensichtlich an jener Sozialkompetenz.

Noch während meine Gedanken bei Seehofer und Rösler weilen, fällt mir eine ähnliche „Schweinerei“ ein, die ich Ihnen gern erzählen möchte.

Herr Krome, was heißt Führung

Ich bin auf einer Verbandstagung der deutschen Industrie im Siegerland eingeladen. Vor einem Kreis von Unternehmern, Wirtschaftsmanagern und Führungskräften habe ich zum Thema Ideen- und Innovationsmanagement zu referieren. Bei uns im Hause bekannt unter dem Begriff Windmöller Mitarbeiterinitiativen. Eine Weiterentwicklung des historischen Betrieblichen Vorschlagswesen BVW unter Einbeziehung des japanischen Kaizen sprich kontinuierlichem Verbesserungsprozess KVP und den Qualitätszirkeln (QZ). Als Hersteller von elektrischen Verbindungselementen sind wir unter Insidern bekannt. Moderne und fortschrittliche Unternehmenskonzepte sorgen jedoch auch für allgemeine Aufmerksamkeit bei fast allen Industrie, Dienstleistungsbetrieben, den öffentlichen Verwaltungen und Versorgungsunternehmen, so dass ich mich stets über volle Vortrags- und Beratungsaufträge im deutschsprachigen Raum freuen darf. Nicht die Fülle von Informationen zunehmend über Powerpoint Präsentationen serviert oder das professionelle Aufeinanderreihen von wissenschaftlichen Erkenntnissen aus der akademischen Welt sind es, die mir die Sympathien der Zuhörer einbringen. Es sind wohl eher mein Unterhaltungswert, meine Glaubwürdigkeit und meine vielen interessanten Praxisbeispiele, die mir ausgezeichnete Benotungen einbringen. Diese recht großen Veranstaltungen, die häufig am Wochenende und mit Ehepartnern stattfinden, sollen neben der Ernsthaftigkeit des Stoffes und neuer Denkanstöße den Teilnehmern Unterhaltung bieten und vor allem auch spaß machen. Krome ist bei den Veranstaltungsorganisatoren für leichte Kost bekannt und so bekomme ich meine Redezeit meist nach der schwierigen Mittagspause zugeteilt. Ich bediene mich einer einfachen Rhetorik mit leichtem lippisch-bäuerlichen Akzent. Das versteht jeder. Ich versuche, menschliche Verhaltensweisen der Natur- und Tierwelt abzuschauen. Also alles, was uns die Schöpfung so geniales anzubieten hat. Mit dieser Auflockerung bin ich bemüht, meine Zuhörer nach dem stets reichhaltigem Mittagessen wieder auf Wachstation zu bringen. Es sind Beobachtungen und Erlebnisse die ich als junger Landwirt und Jäger erlebte, die fast einer jeder kennt, ansonsten aber gedankenlos hinnimmt. So manch themenverliebter Hochschulprofessor vergisst allzu gern, dass die Schöpfung Millionen Jahre dazu gebraucht hat, dass alles so ist wie es ist. Wer sich gegen diese Natur erhebt und ihre Gesetzmäßigkeit verletzt, verbrennt sich irgendwann die Finger, Irgendwann, jedoch mit tödlicher Sicherheit.

Nun geht es aber zur Sache. Ich preise die Chancen unseres Ideenmanagements nicht nur als reines Rationalisierungs-, sondern vielmehr als Führungsinstrument an, als mir einer der Zuhörer gleich in die Parade fährt. Normaler Weise nichts ungewöhnliches, aber der Ton macht bekanntlich die Musik. Klar doch, dieser Herr war wie viele seiner Kollegen kein Freund vom BVW. Das ganz einfache Mitarbeiter ganz offiziell Verbesserungsvorschläge machen können und eine Antwort darauf erwarten, ist für viele nichts als Zeitverschwendung und die Prämie rausgeschmissenes Geld. Mir ist sofort klar, dass er seinen Frust damit kompensieren will, mich zu verunsichern. Wohl auch um die Fronten abzustecken, wo die wahren Kompetenzen zu liegen haben.

„Herr Krome, was verstehen sie eigentlich unter Führung, besser noch unter guter Führung“ ? kommt seine spontane Frage. Oui, denke ich, soll ich jetzt über Führung reden? Ein unendliches Thema und darüber gibt´s garantiert mehr geschriebene Bände als übers Ideenmanagement. Einwände, Gegenargumente und und……..So etwas kann einen schnell aus dem vorgefertigten Konzept katapultieren und mein schöner Vortrag ist dahinSekunden der Ratlosigkeit, ich suche vergeblich nach einer kurzen Interpretation. Aber schon habe ich wieder ein konkretes Bild vor meinen Augen, ein tierisches so zu sagen. Es sind Erlebnisse aus meiner Jugendzeit als Bauernsohn. Nicht mit Wildsäuen, aber ähnlich und zwar mit unseren Zuchtsauen auf dem Hof. Diese Nutztiere besitzen selbst nach den vielen Jahren der Zucht noch die herausragenden Eigenschaften ihrer wilden Artgenossen. Noch zögere ich, das passende Beispiel vorzutragen. Soll ich nun Mensch mit Tier, schlimmer noch mit Schwein vergleichen. Ich sehe vor meinen Augen bereits empörte Telnehmer aufspringen und meinen Veranstaltungsleiter, der mir das Honorar streicht. Verzweifelt suche ich nach konfliktfreiem Material. Finde aber keine Lösung. Letztendlich siegt mein bäuerliches Selbstbewusstsein, dass ich bereits mit der Muttermilch eingenommen habe und ich lege los.

„Bauer“ an „Industriemensch“ sozusagen. Zuchtsauen erkläre ich, sind die etwas älteren Mutterschweine mit besonders guten Erbveranlagungen, die in kürzester Zeit möglichst viele und gesunde Ferkel produzieren sollen. Von daher also kein Unterschied zwischen der bäuerlichen Ökonomie und der Industriewelt. Nach dem Abferkeln und der ersten Versorgung des Nachwuchses müssen diese Muttertiere ihren gewohnten Einstellplatz verlassen und umgetrieben werden. Dies aber gestaltet sich je nach Entfernung der Gebäude als äußerst schwierig, da unsere Sau ihren gewohnten Platz nur ungern verlässt und so eine Sau kann sehr störrisch und böse werden und Führungsmensch mit seinem Schnöckel tüchtige Schmerzen zufügen. Wenn sie sich auf halben Weg umdreht und dem in den Weg stellenden Mensch zwischen die Beine fährt und sich so mit Gewalt ihren Weg freimachen möchte. Unter uns Viehtreibern gab es immer wieder einige mit wenig Erfahrung, die in Ihrem Zorn gleich zum elektrischen Schweinetreiber griffen, um ihn zwecks Aufmunterung in den Hinterschinken der armen Kreaturen zu stoßen. Das geht zumeist schief, denn nach 10 bis 20 Metern erfolgreichen Treibens wird das Tier der permanenten Pein überdrüssig. Es drängt wieder zurück und das Spiel beginnt von vorn. Andere halten es wiederum für klüger mit dem blechernem Futtereimer zu ködern, den sie der Sau vor den Schnöckel halten. Dem bekannten Klappergeräusch vertrauend (nun gibt´s Futter), geht’s nun voran. Zumindest eine Zeitlang bis Schwein merkt, dass Mensch die Futterdroge immer wieder zurückzieht ehe Schwein sich laben kann. Dieser Unverschämtheit nun auch überdrüssig wird wiederum den Rückwärtsgang einschaltet. Die geniale Lösung liegt nun darin, beide Wirkungsweisen abwechselnd einzusetzen. Von vorne Futter geben und von hinten einen kleinen Stoß und nur so geht´s problemlos übern Hof.

Das nennt man dann Führungskompetenz. Was können wir aus dem Beispiel erkennen? Wenn Sie nun glauben, sie können das Vorschlagswesen kostenneutral einsetzen und auf Prämien und Anreize jegliche Art verzichten und lieber draufschlagen möchten, dann handeln Sie ähnlich wie ein Schweinetreiber ohne Futternapf. Das geht schief sage ich ihnen. Wir kennen aber auch die so genannten „Weicheier“ oder „Warmduscher“. Wie wir sie gern betiteln. Sie verteilen täglich Streicheleinheiten und Prämiengeschenke. Diese wirken wie Drogen, deren Dosis laufend erhöht werden muß. Ich sage Ihnen, auch das geht schief! Erfolgreiche Führungskräfte gehorchen dem Spiel der Natur und bedienen sich einer seit Jahrtausenden bewährten und einfachen Methode, „Zuckerbrot und Peitsche“. Nun ist´s heraus, absolute Stille unter den Zuhörern. Es kommen keine Zwischenrufe, keine Zusatzfragen. Ich höre kein lautes lachen. Lediglich ein leises Schmunzeln huscht bei fast allen Teilnehmern übers Gesicht. Mit Erleichterung verspüre ich, die Botschaft kommt an. Ich kann meinen Vortrag problemlos fortsetzen.

Jahre später eine Verbandstagung der Hessischen und Thüringischen Holzindustrie in Wiesbaden. Es spricht ein bekannter Hamburger Psychologieprofessor über die allgemeinen menschlichen Höhenflüge und Tiefen im täglichen Arbeitslebens. Zur sichtlichen Erheiterung der Tagungsteilnehmer kommen immer wieder Beispiele aus den Verhaltensweisen der Wildschweine. Ich sitze wie gerührt, nicke bestätigend mit dem Kopf, was ihn jedoch sichtlich irritiert.In der Pause beim Kaffee fragt er mich: „Herr Krome, sind Sie Jäger oder Landwirt? Warum? Fragte ich ihn. Sie nickten mit dem Kopf und lächelten bei meinen Beispielen verschmitzt. Das machte mich stutzig. Ja, Herr Professor, sowohl als auch. Ich bin ein von der Scholle vertriebener Landwirt und bis heute Jäger. Mit dem Kopf habe ich genickt um Ihren genialen Vergleichen zuzustimmen. Ich selbst benutze sehr gern diese Beispiele, muss aber zugeben, dass es sich aus dem Munde eines bekannten Professors völlig anders anhört, als bei uns einfachen Bauern. Bei diesen Gedanken habe ich gelächelt.

 

 

 

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Die Sau, die will nicht übern Hof

 

 

 

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